Aus seiner Staatsexamensarbeit vom 21.11. 2000
Thema :"Ein Beispiel der mitteldeutschen Orgelkunst des 18. Jahrhunderts:
Johann Peter Kellner"(Musikhochschule Franz Liszt Weimar)
Da sich die Toccata und Fuge d - moll (BWV 565) so grundlegend von allen anderen Bach´schen Orgelwerken unterscheidet, hielt die Musikwissenschaft lange an der These fest, dass es sich hierbei aufgrund der experimentellen Züge und kontrapunktischen Freiheiten um ein Frühwerk Bachs handeln müsse. Dem steht aber das Vorkommen von Stilmerkmalen des galanten italienischen Stils (s.u.) entgegen, die Bach zwar kannte, aber in seinen Werken vor der Weimarer Zeit selbst noch nicht anwendete
[215]. Um 1707 hatte sich Bachs Kompositionsstil allerdings schon zu solcher Meisterschaft entwickelt (vgl. die entsprechenden Orgelwerke der Arnstädter und Weimarer Zeit), dass die Komposition des relativ schwachen und satztechnisch mitunter auch fehlerhaften BWV 565 zu oder nach dieser Zeit höchst unwahrscheinlich wird. Die älteste erhaltene Abschrift von BWV 565 stammt übrigens von dem Kellner - Schüler (!) Johannes Ringk
[216], die mit Sicherheit erst nach 1730 angefertigt wurde. Folgende Stilkriterien sprechen zudem gegen eine Komposition von vor 1730
[217]:
- Der ungewöhnliche unisono-Beginn der Toccata. Zwar beginnen auch BWV 530, 1052 und 1063 unisono, hierbei handelt es sich aber um italienische Eröffnungsritornelle. Alle Werke, die Bach vor Bekanntschaft mit dem italienischen Konzert komponierte, erhalten auch kein unisono. In etlichen Präludien und Fugen Johann Peter Kellners hingegen finden sich ausgedehnte unisono-Passagen . Auch O10:01a beginnt bezeichnenderweise mit einem unisono (vgl. Abb. 3).
- Das arpeggio im zweiten Takt. Die zweifelsfrei echten Orgelwerke von Bach enthalten an keiner Stelle arpeggio. Die Schlüsse von Kellners N10:02 und O08:01 hingegen ja. Auch die gebrochenen Akkordfiguren in Takt 65 von O10:01 kann man als "ausgeschriebene" arpeggien ansehen.
- Die Harmonik von BWV 565 (besonders der Fuge) ist ziemlich schlicht. Sie besteht im Wesentlichen nur aus den Grunddreiklängen. Wie in O10:01 wird auch hier auf den verkürzten Dominantseptakkord als Modulationsmittel verzichtet. Die in der Fuge ablaufenden Modulationen wirken sogar noch konfuser als in O10:01, so dass man den Eindruck gewinnt, der Komponist sei unfähig über mehrere Takte zu planen. Eine harmonische Entwicklung wie sie für Bach typisch ist, findet in BWV 565 nicht statt.
- Ungewöhnlich für Bach´sche Fugen sind auch der unbegleitete Pedaleinsatz mitten in der Fuge (Takt 109[218]) und die langen einstimmigen Passagen (T. 66-70, 73-85, 127-129 und 133-136).
- Nur 5 von 97 Takten der gesamten Fuge BWV 565 sind vierstimmig. Auch die Fugen Kellners laufen überwiegend nicht in ihrer vollen Stimmenzahl ab, wie es die Themeneinsätze vorgeben. In O10:02 sind nur 15 von 81 Takten vierstimmig, in O10:03 nur 8 von 37 und in N10:01 nur 9 von 108. Wie viele Fugen Kellners weist auch BWV 565 keine konsistente Stimmführung auf.
- Die Fuge BWV 565 hat keine geschlossene Themenexposition[219] und keine deutliche erkennbaren weiteren Durchführung. Wie in O10:01 wird das Thema lediglich immer wiedermal "eingestreut". Auch viele andere Fugen Kellners, wie beispielsweise O08:01, O10:02, N10:01 und N08:03, weisen lediglich vollständige Expositionen, aber dann nur noch unvollständige Themendurchführungen auf. Themenengführungen weist BWV 565 nicht auf; auch in Kellners Fugen sind sie eher selten.
- Von den 97 Takten der Fuge BWV565 enthalten nur 25 thematisches Material (ca. 33 %). Statt einer Verarbeitung des Materials erfolgt in beiden Fällen nur steriotype Wiederholung.
- Verzicht auf kontrapunktische Techniken und Kontrapunkte, die keine sind. Dieser Punkt ist von besonderer Bedeutung. Wie in nahezu allen Fugen von J.P.Kellner kann man auch in BWV 565 von einem Pseudokontrapunkt sprechen, der ausschließlich in Terz- oder sextparallelen zum Thema geführt wird und weder ein eigenes melodisches Profil noch rhythmische Eigenständigkeit aufweist. Auffallende Ähnlichkeiten zu den Takten 33, 40 bzw. allen späteren entsprechenden Stellen der Fuge BWV 565 haben die Takte 37ff in O10:01 und die Takte 6/7 in O10:03 (vgl. Notenbeispiel 28). N10:02 hat zudem in Takt 65ff einen Kontrapunkt, der dem Fugenthema BWV 565 nicht unähnlich ist. Die durch Parallelen entstehende Simplizität (nur Konsonanzen), also eine absichtsvolle Einfachheit, steht ganz den Gepflogenheiten des italienischen galanten Stils nahe. Dadurch wird aber schließlich auch das streng kontrapunktische, eigentliche Wesen einer Fuge aufgelöst.
- Die vielen Tempobezeichnungen in BWV565 (insgesamt 9) sind ebenfalls untypisch für Bach´sches Werk. Hier wird zugleich die These wiederlegt, dass es sich um ein Frühwerk handele, da zu Beginn des 18. Jahrhunderts Tempoangaben (zumindest in diesem Ausmaß)= eher unüblich waren. Natürlich könnten die Tempobezeichnungen nachträglich durch den Kopisten Ringk eingetragen worden sein, dann müßten sich aber auch in seinen anderen Bachabschriften ähnlich viele Bezeichnungen finden lassen, was aber nicht der Fall ist. In seinen Orgelwerken verwendet Kellner Tempoangaben ebenfalls eher selten, in seinen Klavierwerken (besonders Suiten) hingegen schon -und zumindest die Toccata BWV565 hat ja deutlich klavieristische Faktur.
- Genauso merkwürdig ist das gehäufte Auftreten von Fermaten in der Toccata, die ganz nach den Regeln Carl Philipp Emanuel Bachs benutzt werden, also z.B. an Einschnitten, über Pausen oder Verzierungen[220] und nicht als "signum finalis" wie bei Johann Sebastian. In Kellners Certamen Musicum III, im 1., 5. und 8. Satz (N01:03), in O09:05 und dem zweiten Satz der ersten Sonate (N03:01) werden Fermaten auf die gleiche Art und Weise verwendet.
- Die Quintfallsequenz am Ende der Fuge BWV 565 ist ähnlich zu der in Kellners O10:01 und O10:02. Auch die unisono- Triolen der Toccata BWV565 haben entfernte Ähnlichkeit mit entsprechenden Stellen in O10:01.
- BWV 565 erfordert in Takt 2 den Ton Cis, der auf den meisten Orgeln zu Bachs Zeit gar nicht vorhanden war. Kellners Orgel in Gräfenroda besaß ihn hingegen schon; auch wird dieser Ton in mehreren Werken Kellners verwendet.
Natürlich lässt sich nun anhand dieser Merkmale nicht definitiv sagen, dass BWV565 von Kellner stammt. Es deutet doch zumindest vieles darauf hin. Dass das Stück von J.S.Bach stammen soll, ist nach all dem Gesagten auf jeden Fall sehr unwahrscheinlich! Bereits Peter Williams
[221] hegte Zweifel ob BWV 565 wirklich von Bach stammt und warf die These auf, dass es sich bei diesem Werk womöglich um eine Orgeltranskription eines ursprünglich für Violine solo komponierten Stückes handele. Er stützte seine These auf die in der Toccata (T. 12ff) und der Fuge (T. 115ff) vorkommenden "Violinfiguren". Doch schon David Humphreys
[222] gab zu bedenken, dass solche "Violinimitationen" auch in den zweifellos authentischen Orgelwerken Bachs (z.B. BWV 535) vorkommen. Außerdem scheidet eine Transkription durch Bach - wenn es sich denn tatsächlich um ein Violinstück (eines fremden Meisters) handeln sollte - schon aus oben genannten stilistischen Gründe aus: Bachs Transkriptionen sind weitaus anspruchsvoller. Humphreys war auch der Erste, der vermutete, dass der Autor von BWV 565 vielleicht im Kreis um J.P.Kellner zu suchen sei. Nicht sehr ergiebige stilistische Vergleiche führte er nur zu Kellners O10:02 und der "schwache Satz von O10:03 mit BWV 565 vergleichbar wären. Einen Vergleich der auffällig ähnlichen Pseudokontrapunkte (Bsp. 28) zog er beispielsweise nicht in Betracht.
Bernhard Billeter
[223] schließlich vertritt die Hypothese, dass BWV 565 (ursprünglich) für Cembalo geschrieben sei. Dadurch würden sich dann solche Eigentümlichkeiten wie unisono, arpeggio und überwiegende Dreistimmigkeit der Fuge von selbst erklären; Satzfehler und Notationseigentümlichkeiten weist er als "zutaten des Bearbeiters" aus.
Nur: Dass BWV 565 als Ganzes betrachtet trotzdem nicht zu Bachs Kompositionsstil passt - auch nicht zu dem seiner Cembalowerke - gesteht er nicht ein. Vielmehr setzt er alles daran, die von Claus 1995 aufgestellten Thesen zu widerlegen, um BWV 565 wieder definitiv J.S.Bach zuzuschreiben. Einen Vergleich mit Werken anderer Komponisten der Zeit (etwa J.P.Kellner) zieht er überhaupt nicht in Betracht. Die Bemerkung schließlich, dass Musikwissenschaftler (wie Williams und Claus) aufgrund "persönlicher Aversionen" gegen BWV 565 dessen Echtheit anzweifeln würden, finde ich äußerst unwissenschaftlich!
Letztlich wird um die wahre Autorenschaft von BWV 565 noch viel diskutiert und geforscht werden müssen, dass Johann Peter Kellner aber zum engeren Kreis der möglichen Schöpfer gerechnet werden muß, steht für mich fest.